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Von Tanger über Larache Richtung Rabat

Mai 5, 2020 - Lesezeit: 7 Minuten

In Tanger gab es für mich erst einmal einige Dinge zu erledigen, so blieb ich 3 Tage dort, in denen ich einige Spaziergänge vor allem in der Altstadt tätigte. Anfangs war es mir schier unmöglich, mich in den verwinkelten, schmalen Gassen zu orientieren. Am besten ist es in diesem Fall, man lässt sich einfach treiben. Irgendwann erreicht man dann wieder einen Orientierungspunkt, einen Platz, einen Brunnen oder ähnliches, den man schon mal gesehen hat, wo man weiß, wie es weiter geht.

Es verging selten mehr als eine halbe Stunde, in der ich nicht von Männern jeglicher Altersstufe angesprochen wurde, ob ich nicht entweder „Marokkanische Rauchware“, ein Gang in die Piepshow oder was weiß ich nicht alles kaufen wolle. Höflich ablehnend, so das keiner sein Gesicht verlieren musste, ging ich dann weiter meines Weges, wurde aber mit der Zeit genervt, da 98%  der Unterhaltungen daraufhin hinaus liefen, mit mir einen Deal anzuleiern. So ist es nun einmal in einigen marokkanischen Städten und man tut sich selbst keinen Gefallen, wenn man aggressiv wird und schlechte Laune bekommt. Fängt es an allzu sehr zu nerven sollte man sich zurück ziehen oder gar das Stadtviertel verlassen.

Die Abende in meinem Stammkaffee im ersten Stockwerk meiner Pension habe ich sehr genossen und lange mit dem 65 jährigen Hausdealer an seinem „Verkaufstisch“ gesessen und mich gut auf englisch mit ihm unterhalten. Ein taktvoller und netter Mann, der keine Ambitionen hatte, mit mir geschäftlich in Kontakt zu treten und so konnten wir ganz normale Gespräche führen und zusammen auf Dubai II Fußball schauen. Alle sind hier FC Barcelona-Fans.

Dann ging die Radtour weiter. Auf der Nationalstrasse 1 stadtauswärts Richtung Larache. Radeln auf diesem Abschnitt der RN1 Ist nicht so stressbehaftet, wie ich befürchtet hatte, da diese über einen ausreichend breiten Seitenstreifen verfügt. Die Landschaft im Nordwesten Marokkos wird intensiv landwirtschaftlich genutzt und könnte vom Landschaftsbild her genau so gut Niedersachsen sein, von einigen Eukalyptusbäumen und einigen Kakteen mal abgesehen (auch die Kühe sind hier schwarz-weiss). Da ich aber auf dem schnellsten Wege weiter Richtung Süden gelangen möchte, ist dies für mich die beste Route, zumal ich diesen Abschnitt von Marokko noch nicht kenne. Auf anderen Reisen mit dem Wohnmobil ging es über andere Routen in den Süden. Das Wetter wurde zunehmend regnerisch und bei Km 70, ca 20Km vor Larache, bemerkte ich dann ein verdächtiges Pling-Pling, Geräusche, die mein Hinterrad erzeugte. Ein kurzer Blick und meine Befürchtung wurde Wahrheit. Eine Speiche war gebrochen. Wie es in so einem Fall dann auch ist, zogen in diesem Moment dicke, dunkle Wolken am Himmel auf. Ich fuhr dann noch 200 Meter weiter und hielt bei einer Strohhütte eines jungen Erdnussverkäufers. Später bemerkte ich, dass diese Hütte nicht nur sein Verkaufsstand, sondern auch seine Wohnung ist.

Mit diesem jungen, sehr frommen Herrn kam ich ins Gespräch. Er sprach arabisch und spanisch, ich deutsch und englisch, aber wir verstanden uns trotzdem irgendwie gut und ich begann mit den Vorbereitungen der Reparatur. Er lud mich ein, es war inzwischen später Nachmittag, bei ihm über Nacht zu bleiben, er hätte seine Hütte mit mir geteilt.

Unter seinen wachsamen Augen und mit seiner Assistenz führte ich dann die Reparatur durch und er erwies sich als verständiger Mitarbeiter. Während ich mein Fahrrad wieder belud und er sich zum Gebet zurück zog, köchelte auf dem Feuer eine Tajine (variantenreiches Nationalgericht aus dem Tontopf), und so hockten wir wenig später auf dem gestampften Lehm und aßen mit unseren Händen (immer nur die rechte Hand benutzen) aus einem Topf. Für mich ein wenig ungewohnt, aber hier durchaus üblich. Es gelang mir mit Brot den Inhalt des Topfes zu greifen ohne groß zu kleckern.

Dann kam der Abschied, denn ich wollte die Gastfreunschaft meines Gastgebers nicht übergebühr beanspruchen und hätte diesem ganz offensichtlich nicht sehr wohlhabenden jungen Mann gern etwas Geld dagelassen, aber das hätte ihn beleidigt und ich wollte ihm keineswegs seinen Stolz und seinen Humor nehmen. Es sei an dieser Stelle eingefügt, dass das Essen absolut köstlich und gut gewürzt war. So ging es weiter nach Larache, wo ich mir aufgrund des inzwischen eingesetzten Regens ein Zimmer suchte.

Am nächsten Tag ging es weiter nach Moulay Bousselham, einem Ort an einer Lagune, auf der sich ein Vogelreservat befindet. Der Seitenstreifen auf der RN1 war nicht mehr vorhanden, und da es keinen Spass macht, von Bussen in der Kurve im Abstand von 30cm überholt zu werden, suchte ich mir dann eine Route abseits dieser Fernstrasse, teilweise über unbefestigte Wege, was das Vorankommen doch erheblich in die Länge zog. Kaum hatte ich mein Zelt aufgeschlagen, setzte auch schon starker Regen ein und so verbrachte ich den späten Nachmittag und die Nacht lesend  im Zelt.

Am nächsten Morgen, das Wetter war unverändert, ging es mit dem Fahrrad über Pisten und Asphaltfragmente (kleine Schlammschlacht) weiter nach Kenitra. Eigendlich wollte ich vor der Stadt ein wenig abseits von der Strasse zelten, aber ehe ich mich versah, befand ich mich schon im Einzugsbereich der Stadt und suchte mir ein preiswertes Zimmer, in dem ich dann auch mein Zelt zum trocknen ausbreiten konnte. Zu Kenitra lässt sich nicht allzuviel erzählen, eine saubere, kleine Industriestadt.

Weiter ging es dann am nächsten Tag leider wieder über die RN1, nach Sale / Rabat. Beide Städte liegen so dicht zusammen wie Duisburg und Oberhausen. In Rabat angekommen, musste ich leider bemerken, daß mir die nächste Speiche gebrochen war. Also wieder ein Zimmer mieten und wieder das Hinterrad zerlegen waren nun meine Jobs. Es ist mir nicht gelungen eine Fahrradwerkstatt mit funktionierendem Zentrierständer zu finden, dafür konnte ich aber, dazu benötigte ich 2 Tage, 31 Ersatzspeichen für das Fahrrad minderer Qualität nebst passendem Speichenschlüssel auftreiben. Die Reparatur bewerkstelligte ich diesmal in meinem kleinen, sehr einfachen Zimmer, erhöhte die Speichenspannung auf anraten meiner Kollegen in Berlin etwas und zentrierte das Fahrrad Pi mal Daumen.

Mein Gepäck habe ich auch bis auf das Allenötigste reduziert. Nun warte ich darauf, dass die Post wieder öffnet, denn heute ist Sonntag, um ein Paket nach Deutschland zu schicken. Ein anderes Hindernis, dass sich mir in den Weg stellt, ist die Tatsache, dass meine Kreditkarte von der Postbank AG nicht von den hiesigen Geldautomaten in Rabat akzeptiert wird. Aber auch dieses Problem ist dank der Hilfe eines umsichtigen, guten Freundes und der Familie in Berlin in den Griff zu kriegen. Meine größte Sorge betrifft die Fahrrad - Technik.

Nach einiger Recherche im Internet habe ich einen Entschluss gefasst. Ich werde in diesem Jahr nicht wie bei vorhergehenden Reisen durch Marokko, auch durch Mauretanien und dann nach Senegal fahren. Die Sicherheitslage in Mauretanien verschlechtert sich zusehens. Vor kurzem ist wieder ein Europäer entführt worden. Dies geschah zwar in Mali, aber er befindet sich wohl zur Zeit den Berichten der Presse nach, irgendwo in der Wüste im Grenzgebiet zwischen Mali und Mauretanien. Die sogenannte Al Quaida des Maghreb operiert aufgrund ihrer dazugewonnenen Macht anscheinend immer öfter in Mauretanien und ich habe nicht die mindeste Lust diesen Brüdern als Geisel zu dienen. Sicherlich wird es, wenn ich dann weiter südlich komme, mächtig jucken, aber das Gebiet der Westsahara ist groß genug um meine Wüstenambitionen auszuleben. Ich werde mir hier in Rabat kein Visum für Mauretanien beschaffen.

Morgen, nach dem Besuch der Post soll es weiter gehen. Hoffe mein Hinterrad hält jetzt. Wir werden sehen. Insch-Allah.

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