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Alltag in den Straßen von Trabsini - dem Wohnort meiner Gastgeber

Mai 12, 2020 - Lesezeit: 5 Minuten

Trabsini ist ein alter Stadtteil von Safi und liegt direkt an der Steilküste südlich vom Hafen und der Medina, vom Rest der Stadt von einer Bahntrasse abgeteilt. Die Bahn befördert Phosphorprodukte, meist Düngemittel von den Fabriken, die südlich der Stadt liegen, zum Hafen. Die Häuser dort sind Altbauten und manchmal in einem recht morbiden Zustand. Mein Gastgeber und einige meiner Bekannten wohnen dort. Wenn ich zu Besuch bin, lebe ich in diesem Viertel.

Dieser Ort übt auf mich einen großen Charme aus. In „meiner“ Straße befindet sich in fast jedem Haus ein kleiner Handwerksbetrieb.Die Werkstätten sind meist so klein, dass sämtliche Arbeiten auf der Straße verrichtet werden. Es wird gehämmert, gesägt, Geländer werden geschweißt, mein Gastgeber repariert Durchlauferhitzer vor der Tür, Marktkarren mit Obst oder Backwaren werden durch die Straße geschoben, dazwischen fahren Mopeds und Kinder spielen Fußball. Trotz aller Geschäftigkeit findet man dort die Zeit für eine Unterhaltung, Witze werden gemacht, Neuigkeiten ausgetauscht.

Früh morgens um halb acht beginnt für mich der Tag. Mein Gastgeber war schon um sechs Uhr in der Moschee zum Morgengebet. Wir sitzen dann in dem ca. 4 qm großen Werkstattraum und frühstücken. Weißbrot wird in Olivenöl getunkt, die marokkanische Version der Butterstulle, dazu gibt es Tee. Dann beginnt der Arbeitstag. Ich nehme mir mein Rennrad und radele auf meinem Trainingsrundkurs. Das Mittagessen nehmen wir wieder in der Werkstatt zu uns und es folgt für mich die zweite Trainingseinheit. Inzwischen bin ich in diesem Viertel gut bekannt und wenn ich durch die Straßen radele wird gegrüßt und gewunken. Ich habe sogar schon einen arabischen Namen erhalten, Blaid (keine Ahnung wie man den schreibt), was so viel heißen soll wie der Höfliche. Blaid radelt also wieder nach Lalla Fatna und zurück. Ansonsten sitzt er vor dem Haus und liest oder schraubt an Fahrrädern. Sicherlich wird darüber ein wenig geschmunzelt.

Am späten Nachmittag sitze ich vor der Werkstatt und habe ein Auge auf die Werkzeuge und achte darauf, dass die Kleinsten nicht unter die Räder kommen, währen mein Gastgeber zum Gebet zur Moschee geht. Zur Gebetszeit leert sich die Straße etwas, kurz danach geht das Leben wie gewohnt weiter. Das Leben in Trabsini beinhaltet alles, was wir zu Hause in den deutschen Städten als Kiezleben bezeichnen. Die Menschen, die hier leben, betrachten sich auch als große Familie.

Spät am Abend sitzt man vor der Werkstatt des Gastgebers bei einer Kanne Tee. Mit einem Bekannten, er kann ein wenig englisch, kam ich ins Gespräch und fragte ihn, wie er zum König und der Monarchie allgemein steht. Ich wusste, die Frage ist heikel, aber wir hatten uns vorher ruhig und gelassen über religiöse Themen ausgetauscht, so wagte ich diesen Vorstoß. Erstaunliches kam dabei für mich zu Tage. So erfuhr ich, dass Mohammed VI angehöriger der Schia Ali, also Schiit ist. Meine Recherchen ergaben, dass er einer alawitischen Dynastie entstammt. Meines Wissens nach sind die Alawiten ein Zweig der schiitischen Glaubenslehre. Da die Mehrheit der Marokkaner Suniten sind, kann ich verstehen, dass mein Gesprächspartner unter vorgehaltener Hand, sich geringschätzig über den Monarchen äußert. Schiiten werden hier meist als nicht rechtgläubige Spinner abgetan. Generell äußerte sich der Mann eher negativ zur Monarchie, es fiel das Wort Diktatur. Sicherlich denken hier nicht alle Menschen so, aber wenn man sich vor Augen führt, Dass der König auch gleichzeitig das religiöse Oberhaupt der Marokkaner ist, ist sein Beliebtheitsgrad vielleicht nicht so hoch, wie ich sonst immer annahm. Zum Zwecke der Machterhaltung war Mohammed VI 2011 im Zuge der „Arabellion“ in den Nachbarstaaten klug genug, einige Verfassungsänderungen zu zulassen.

  • Neben dem Arabischen ist nun auch die Sprache der Berber offizielle Amtssprache. Auch ist der Staat dem Schutz aller anderen Dialekte verpflichtet.
  • Der König ist nicht mehr „heilig“, bleibt aber weiterhin unantastbar
  • Der König ist nun verpflichtet einem Premierminister aus der Partei zu ernennen, die bei der Wahl die meisten Stimmen erhielt.
  • Der Premier darf vom König die Entlassung eines Ministers verlangen.
  • Nicht mehr der König, sondern der Premier ernennt hohe Postenträger, was mit Absprache des Ministerrates geschieht.

Dies sind nur einige, aber wie ich glaube die wichtigsten Verfassungsänderungen. Inzwischen hat die islamisch-orientierte Partei für Gerechtigkeit und Entwicklung einen großen Zulauf.

Zur Zeit der Niederschrift dieser Zeilen, ich sitze vor einem Café am Rand der Medina in Essauira, bewegt sich, von Sicherheitskräften flankiert, ein kleiner aber lautstarker Demonstrationszug über den vor mir liegenden Platz. Ich habe keine Ahnung welche Leute das sind und wofür sie demonstrieren. Die Kellnerin schaut bedeutungsvoll und ernst. Da auch sie kein englisch spricht oder sprechen will, bleiben mir auch die Hintergründe dieser kleinen Demo verborgen. Ähnlich erging es mir schon vor ein paar Tagen in Trabsini. Dort kam es zu einer Versammlung mit Spruchbändern an einer Straßenecke. Ich bin sehr erstaunt. So etwas hatte ich vor drei Jahren in Rabat erlebt, dort waren es offensichtlich Studenten, die auf die Straße gingen, aber so weit im Süden hätte ich eine Demo nicht erwartet.

Einige Tage hätte ich noch in Trabsini verbringen können, hier wird es mir nie langweilig. Ich hatte aber sämtliche Reisevorbereitungen abgeschlossen und die Fahrradreise sollte nun beginnen. In zwei Etappen radelte ich nach Essauira.Die Nacht verbrachte ich im Zelt auf einem Campingplatz am Strand. Es waren kaum weitere Gäste dort. Ein französisches Ehepaar wohnte dort noch in einem Bungalow. Ein kleiner Hund, den ich mit einem Snack bestach, sorgte für meine persönliche Sicherheit und wich kaum von meiner Seite. Er machte seinen Job offensichtlich gut, ich wurde in der Nacht nicht angegriffen und habe sie überlebt.

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