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Alltag und arbeiten in Safi

Mai 9, 2020 - Lesezeit: 8 Minuten

Alltag

Es ist 5:30 Uhr am Morgen in Safi. Ich werde gerade wach, der Imam ruft zum ersten Gebet. Die Haustür knarzt. Mein Freund und Gastgeber Herr B. Verlässt gerade das Haus, dem Ruf des Imam folgend. Nach ein paar Minuten mache ich mich bereit und gehe auch hinaus auf die Straße. Es ist noch dunkel, kaum jemand ist zu sehen. Ein Straßenfeger, zwei Männer, die vielleicht zur Moschee, vielleicht zur Arbeit gehen. Ein Esel, ein großes, kräftiges Tier, steht unschlüssig mitten auf der Fahrbahn. Er wartet auf die Fütterung und wird dann später vor einem Gemüsekarren seine Arbeit verrichten. Ich gehe zunächst zum Bäcker, dann in ein Cafe. Es ist jetzt viertel nach sechs, Herr B. sitzt schon am Tisch und checkt seinen Facebook-Account. Draußen wird es langsam hell in Safi. Nach einem ersten, kleinen Frühstück gehen wir gemeinsam zurück zum Haus, wo sich auch die Werkstatt meines Gastgebers befindet. Auf der Straße erwacht das Leben. Ein Bettler hat soeben seinen angestammten Platz an der Brücke bezogen, wir geben ihm ein paar Münzen. Mildtätigkeit ist eines der Gebote des Islams.

In der Werkstatt angekommen, beginnen wir mit den Vorbereitungen zum zweiten Frühstück, das dann gemeinsam mit den drei Mitarbeitern verzehrt wird. Herr B. Folgt der Devise, der erste Diener seines Staates zu sein und kocht den Tee, besorgt das Brot und achtet darauf, dass genügend Olivenöl vorhanden ist. Während des Essens werden die Aufgaben und die Arbeitsabläufe besprochen, dann, es ist nun 8:30 Uhr, beginnt der Arbeitstag. Ich ziehe mich um, schwinge mich aufs Fahrrad und rolle gemächlich zum Ausgangspunkt meiner Trainingsrunde, die ich im Vergleich zur Vergangenheit etwas abwandeln musste, da bei dem Unwetter vor kurzem eine Straße unterspült und dadurch nicht passierbar wurde. Durch eine Baumlose Landschaft entlang der Steilküste geht es vorbei an Gemüsefeldern, die von hüfthohen Steinmauern umgrenzt sind. Hier und da grasen ein paar Esel oder einige Schafe. Kamele sind selten zu sehen. Am Strand von Lallafatna angekommen, geht es durch hügliges Terrain zurück zur Stadt.

Herr B. Und seine Mitarbeiter sitzen vor der Werkstatt. Es ist Freitag und heute Nachmittag wird nicht mehr gearbeitet. Es werden Vorbereitungen, bestehend aus rituellen Waschungen für das anstehende Freitagsgebet getroffen. Ich gehe duschen.

Später sitzen Herr B. Und ich in seinem Auto. Wir sind von einem seiner Freunde, den ich nun auch schon seit einiger Zeit kenne, zum Essen eingeladen. Nach dem Essen sitzen wir zu fünft in dem alten Auto und flitzen mit hoher Geschwindigkeit über die Landstraße. Ich muss grinsen, denn wir sehen so aus, wie es ein Karikaturist zeichnen würde. Teilweise Lederjacken, lange Bärte, dunkle Augen, stechender Blick (an dem ich noch arbeiten muss, habe aber dafür meine Kapuze hochgeschlagen). Das Klischee eines Salafistenstoßtrupps auf dem Weg zur Freitagnachmittagsoffensive. Promt werden wir an einem Posten von Gendarmen angehalten und genauestens kontrolliert. Das zwei von uns in Ermangelung funktionstüchtiger Anschnallgurte nur auf den Enden der Gurte sitzen und somit selbige straff halten um den Anschein zu erwecken, wird nicht bemerkt. Statt schnell mal ein paar Ungläubige abzuknallen, besichtigen wir die Schäden, die eine Flut beim letzten Unwetter in einem Fischerdorf angerichtet hat. Danach geht es zum Gebet, dann in ein Cafe und nach wilder Fahrt sind wir wieder pünktlich zum ersten Abendgebet zurück in der Stadt. Es wurde viel gescherzt und gelacht an diesem Nachmittag.

Sonntags bleibt die Werkstatt geschlossen. Früh morgens steigen Herr B. Und ich in das Auto und fahren zum Markt. Der Wocheneinkauf muss getätigt werden und darüber hinaus wird am Nachmittag Besuch erwartet. Der Marktplatz ist eine sehr große freie Fläche am Stadtrand, vergleichbar mit der Größe der Hasenheide in Berlin. Hier werden Waren aller Art, neu oder gebraucht, angeboten. Uns interessiert heute nur die Lebensmittelabteilung. Bündel- und kiloweise kaufen wir Gemüse ein. Viel zu viel wie mir scheint auch für die Großfamilie. Vielleicht wird ja auch für Leute aus der Nachbarschaft eingekauft und somit für alle günstigere Preise erzielt. Jedenfalls ist der Kofferraum und die hintere Sitzbank gefüllt mit Beuteln und Säcken voller Kartoffeln, Möhren usw. Für die Verköstigung des Besuchs werden noch drei Hühner benötigt.Am Geflügelstand werden die Tiere von Herrn B. Sachkundig ausgewählt, vom Verkäufer mit jeweils einen schnell durchgeführten Schnitt ins Jenseits befördert, gerupft ausgenommen und eingepackt. Die ganze Prozedur dauerte kaum länger als zehn Minuten. Ein anderer Marktstand findet meine spezielle Aufmerksamkeit. Es ist ein Fachgeschäft für abgetrennte Rinderköpfe. Enthäutet und stundenlang gedünstet sind sie hier eine Delikatesse.

Waschtag

Ausnahmsweise hatte ich morgens um 8:30 Uhr nicht knöcheltief durch das Blut der gefallenen Angreifer zu waten, auch war ich an keinem heldenhaften Ringen irgendwelcher Nationen beteiligt, so beschloss ich mich um meine Wäsche zu kümmern. Es wurde Zeit. Der benutzbare Bestand meiner Kleidung, aus olfaktorischen Gesichtspunkten betrachtet, ging zur Neige und es kündigte sich ein Notstand an der Sockenfront an. Fest entschlossen, diese Reihen wieder zu schließen, erweiterte ich mein Waffenarsenal um Waschpulver, requirierte zwei Eimer aus dem Haushalt und begab mich ins Bad des Erdgeschosses. Kaum tobte die Schlacht mit Schaum und Seife, erschien ein weibliches Mitglied der Familie, Schwester B., um diese Arbeit an sich zu reißen. Mit der Begründung, dass sie mit der Haushaltsführung und der Betreuung der Kinder nach meiner Ansicht schon genug zu tun hätte, ich aber genügend Zeit am Vormittag hätte, bat ich darum, meine Tätigkeit fortsetzen zu dürfen. Der Logik meiner Argumentation konnte sie sich nicht verschließen und willigte ein. Dies sprach sich herum und die anderen Damen, die mein Schlachtfeld begutachteten kicherten nur noch bei dem für sie offenbar ungewohntem Anblick eines Wäschekriegers. Anders war es bei den Herren. Dort hatte ich bei jedem einzelnen meinen Standpunkt zu begründen. Die Ausnahme bildete Herr B., der meine außergewöhnlichen Ideen schon kennt und mit allem rechnet. Er grinste nur. Ich zog das Gefecht bis zum Aufknüpfen der nun nicht mehr feindlichen Socken auf der Wäscheleine durch.

An dieser Stelle erinnere ich mich an eine Begebenheit, die sich vor ca. 18 Jahren in einem kleinen Dorf in Mali abspielte. Auch da begab ich mich mit Schüssel, Seife und Bürste bewaffnet, mit einer völlig verdreckte Hose über meiner Schulter baumelnd, zum Brunnen, an dem einige Ladies mit Wäschewaschen beschäftigt waren. Kaum hatte ich mich an die Arbeit gemacht, entriss mir eine junge Frau wild schimpfend mein Wäschestück und zog von dannen. Ich war verblüfft, eingeschüchtert und wagte nicht zu intervenieren. Am Abend hing die Hose sauber und trocken an der Tür meiner Hütte. Später erfuhr ich dann, dass ich die Damen am Brunnen beleidigt hatte, in dem ich Frauenarbeit verrichten wollte.

Ich hoffe, ich habe dieses mal niemanden allzu sehr brüskiert, aber vielleicht hat mein Image als Hüter und Verteidiger von Wein, Weib, Gesang und dem ganzen Rest etwas gelitten. Mein Image werde ich wieder aufpolieren, indem ich mich archaischen, männlichen Tätigkeiten zuwende und wie alle anderen Männer bei Milchkaffee Fußball gucke oder ganz doll schnell mit dem Auto auf der Landstraße fahre.

Sound of Maghreb

Rums! Die Tür ist zu, wird aber gleich wieder aufgerissen, denn eine andere Person schreitet hindurch, dann wieder geräuschvoll verschlossen. Der verschlossene Zustand, man kann es erraten, ist nicht von Dauer. Ständig muss jemand raus oder rein. Ich glaube inzwischen, dass eine marokkanische Tür erst dann als verschlossen gilt, wenn das Verschließen auch deutlich zu hören war. Die Schule ist aus, die Kinder sind jetzt vollzählig im Haus versammelt, was auch deutlich vernehmbar ist. Mehrere Damen kommunizieren bei ihren häuslichen Arbeiten direkt und lautstark über drei Etagen hinweg. Vor der Haustür arbeiten die Männer in verschiedensten Gewerken mit den erforderlichen Maschinen oft mit Koransurengesang aus dem Lautsprecher. Mopedmotoren werden bei Vollgas eingestellt. Der Imam ruft über Lautsprecher zum Gebet. Gemüseverkäufer bieten lautstark ihre Ware feil. Der FC Barcelona hat um 20:48 Uhr ein Tor geschossen. Man muss nicht im Cafe an der Ecke sitzen um über den aktuellen Spielstand informiert zu sein, es geht auch vom Bett aus und ohne TV. Um 22:00 Uhr spielt eine fünfzehnköpfige Gruppe von Jugendlichen vor der Haustür Fußball.

Ich frage mich, wie wohl die Reaktionen der Leute hier wären, würde ich erzählen, dass bei mir zu Hause manche Nachbarn versuchen, notfalls mit Polizeigewalt, laute Gespräche auf der Straße zu unterbinden.

Nun mache ich noch einmal einen kleinen Spaziergang entlang der Klippen der Steilküste gleich hinter dem Haus. Die Wellen sind heute hoch und krachen laut und dumpf gegen die zwanzig Meter hohen Felsen.

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