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Nach Agadir über den Pass des Atlasgebirges - Stop in Imsouane

Juli 26, 2020 - Lesezeit: 5 Minuten

Es ist nahezu windstill, die Luft über der vierspurigen Landstraße ist vom starken Verkehr leicht bläulich gefärbt. Die Straße zwischen Agadir und Tiznit, ca. 90 km, war schon immer stark befahren, ist aber jetzt seit kurzer Zeit durchgängig vierspurig. Noch vor ein paar Jahren war sie der Albtraum eines Radlers, der sich von Agadir aus nach Süden begeben wollte. Es war nicht ungefährlich mit dem Fahrrad, denn überholende Sattelschlepper und Busse gingen, wenn sie Gegenverkehr hatten, gerne auf Kuschelkurs, denn gebremst wurde nicht. Man musste sich auf einem Randstreifen aus Schotter flüchten. Dies ist nun seit der Verbreiterung der Straße deutlich besser geworden.

Weitaus ruhiger ging es bei der Abfahrt in Essaouira zu, allerdings für uns auch recht anstrengend. Der Weg führt über die Ausläufer des Atlasgebirges durch eine wunderschöne Landschaft. Bis zum Horizont wachsen vorwiegend Arganbäume, die weltweit nur in diesem Gebiet vorzufinden sind. Aus den Früchten dieses Baumes wird ein Speiseöl gewonnen, dessen Preis pro Liter in Deutschland, je nach Qualität, bis zu € 60,-- betragen kann.

Auf dieser für uns recht anspruchsvollen und kräftezehrenden Strecke galt es auch einen kleinen Pass zu bewältigen. Auf der Passhöhe, wo wir recht verschwitzt ankamen, wurden wir mit einer herrlichen Aussicht auf die schneebedeckten, fernen Gipfel des Hochgebirges belohnt. Kurz nach Sonnenuntergang und nach ca. 80 km fanden wir eine Unterkunft direkt an der Straße gelegen. Wir waren recht müde und starteten die nächste Etappe mit dem Fahrrad am darauf folgenden Tag auch erst spät. Ziel war der kleine Fischerort Imsouane. Eine mit knapp 20 km recht kurze Fahrt. Die schöne Lage des Ortes und der zu erwartende Regen hielt uns an diesem Tag davon ab, eine größere Strecke zu radeln. Sehr vielen Pedalumdrehungen bedurfte es nicht, um den Ort zu erreichen, denn bis zu dieser kleinen Bucht geht es ständig, manchmal recht steil, bergab. Noch schien die Sonne, aber ein dichtes Wolkenband über dem Meer kündigte schon den Regen an, der dann zwei Stunden später reichhaltig kam und einen guten Tag lang anhielt.

Ein Segen für die ausgedörrte Landschaft, denn solch ein Regen gibt es in dieser Region nur ca. fünf Mal im Jahr. Wir verbrachten die Zeit vorwiegend lesend mit kleinen Spaziergängen zwischen den Schauern. Auf einen kleinen Ausflug mit dem Fahrrad hatten wir keine Lust.

Langsam entwickelt sich der kleine Ort zu einem Touristendomizil, denn Imsouane ist unter den Surfern kein Geheimtipp mehr, wovon auch die regen Bautätigkeiten zeugen. Wie wird dieser Ort wohl in 10 Jahren aussehen ?

Die Abfahrt aus Imsouane kann man als solche nicht bezeichnen. Es war eher eine „Abschiebung“, denn es galt die Räder nebst Gepäck wieder etliche Höhenmeter zur Landstraße hoch zuschieben. Diese Herausforderung absolvierten wir bei Nebel und relativ kühlen Temperaturen und waren doch ziemlich verschwitzt, als wir oben ankamen, der Nebel sich verzog und eine schöne Aussicht auf die steil unter uns gelegene Bucht und den Atlantik freigab. Weiter ging es nun Fahrrad fahrend auf der Landstraße. Unsere nächste Unterkunft war ein „Surfhotel“ mit Meerblick auf einem Hügel gelegen. Vier Häuser befinden sich darauf, von einer Großfamilie bewohnt, die das älteste Haus vor kurzem zu einem Hotel umgebaut haben. Ziegen, Schafe und Hühner wuseln dort frei herum, die Wege sind steinig und unbefestigt.
Frauen sitzen im Schatten unter Bäumen und knacken mit faustgroßen Steinen Argannüsse, die erst geröstet, dann gemahlen werden, bevor das Öl ausgepresst wird. Dies geschieht anders als beim Olivenöl, wo oft noch ein Kamel einen Mühlstein antreibt, bei Arganöl immer von Hand.

Abends saßen dann Gäste und Bewohner zusammen vor dem Fernsehen, um den „El Classico“ der spanischen Fußball-Liga zu schauen. Einige erschienen mit Barcelona-Schal, andere mit Madrid-Trikot. Ein spannender und vergnüglicher Abend, auch wenn das Spiel für Barca glücklich 0:0 ausging.

Am nächsten Tag ging es weiter entlang der schönen Küste nach Taghazout, einen weiteren Surfspot. Der Verwalter unserer dortigen Unterkunft, ein junger Mann, erzählte uns von seinem Urlaub in Berlin letzten September. Er hatte dort einen Freund besucht, der in der Hermannstraße unweit des Hermannplatzes wohnt. So klein ist die Welt manchmal und wie der Zufall es wollte, war auch dieser Freund gerade anwesend, mit dem wir uns eine ganze Zeit unterhielten, da er in erstaunlich kurzer Zeit sehr gut und fast akzentfrei die deutsche Sprache gelernt hat.

Die restlichen Kilometer entlang der Küste nach Agadir waren wenig erbauend.
Der Bauboom dort greift dermaßen um sich, dass man auf diesen Kilometern von einer neuen Costa Brava reden wird, wenn diese Betonklötze einmal fertiggestellt sind.

Über die Stadt Agadir gehen die Meinungen auseinander. Es gibt Leute, die dort einen zweiwöchigen Urlaub buchen. Wir besorgten uns dort das Nötigste, aßen sehr gut und rüsteten uns für die schon oben erwähnte Etappe nach Tiznit. Die Landschaft südlich der Stadt wird nun flach und recht karg. Hinter Tiznit ging es dann entlang einer kleinen Küstenstraße Richtung Mirleft, einem kleinen, ehemaligen Fischerdorf mit einem Strand. Auch dieser Ort ist inzwischen gewachsen und bietet den Menschen viele Jobs im Tourismus.

Da wir dem Wellenreiten nicht sehr viel abgewinnen können, wandern wir hier durch kleine Schluchten in den Bergen hinter der Ortschaft oder spazieren am Strand. Die Landschaft hat sich nun deutlich verändert. Vereinzelt findet man Dattelpalmen vor, aber flächendeckend besteht die Vegetation aus Kakteen und Sukkulenten, die von der Nähe der Wüste zeugen. Es sind keine 100 km mehr und wir befinden uns in Guelmim, an der Haustür zur Sahara.

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