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Drei Etappen nach Senegal - Auf dem Fahrrad durch die Savanne nach Mboro

Mai 9, 2020 - Lesezeit: 7 Minuten

Aus dem etwa einem Kilometer entfernten Dorf sind monotone, rhythmische Gesänge zu vernehmen. Es ist eine Feierlichkeit der größten Sufi-Bruderschaft Senegals, der Muriden und wird bis tief in die Nacht andauern.

Die Sonne geht glutrot hinter der Lagune unter, die einst der Verlauf des Senegal - Flusses war, der sich mehrere Kilometer parallel entlang der Küste zog, bis er dann in den Atlantik mündete. Die Landzunge, aber auch große Teile der Savanne sind heute ein Nationalpark. Direkt am Wasser gelegen, befindet sich schon seit mindestens zwanzig Jahren ein Campingplatz. Ein wunderschöner, malerischer Ort im Norden Senegals südlich der Stadt St. Louis gelegen. Eine reichhaltige Vogelwelt, aber auch Affen und verschiedene Reptilien kann man hier beobachten. Nach einer Saharadurchquerung stellt dieser Ort ein Fest für die Sinne dar. Dafür sorgt schon das Vogelgeschzwitscher, das man auf den letzten 2000 Kilometern der Reise nicht zu vernehmen war, denn Oasen gab es auf dieser Strecke nicht.

Schon die drei Etappen auf dem Fahrrad von Nouakchott bis zur Grenze zu Senegal waren von der Veränderung der Landschaft von der Wüste zur Savanne geprägt. Da war zuerst die Fahrt durch die große Stadt in südlicher Richtung durch Vorstädte und Armenviertel. Welch ein Chaos. Verkehrsregeln gibt es nicht, oder haben sich mir zu mindest nicht erschlossen. Jeder fährt so, wie es ihm gerade passt und wie es ihm die gegebenen Möglichkeiten aufzeigen. Man geht aber selten rüpelhaft vor und überlässt anderen Verkehrsteilnehmern schon mal den Vortritt. Ich habe mich dem Verkehr schnell angepasst und wagemutig und freundlich lächelnd beim Linksabbiegen auf einer Hauptverkehrsstraße manchmal zum Anhalten genötigt oder mich durch den Fluss der Fahrzeuge geschlängelt. Man muss dabei seine Sinne, vor allem als Orts unkundiger, beisammen haben. Die Fahrbahn ist von Sandlöchern, Spalten und Kanten übersät. Ehemalige Kreisverkehre sind oft große Sandlöcher und es kommt oft genug vor, dass einem auch auf der rechten Fahrspur der Fahrzeuge entgegenkommen, besetzt mit Leuten, die es ganz eilig haben. Nervenbehalten und katzenartige Reaktionen sind für den Fahrradfahrer nun angesagt.

Nach etwa fünfzig Kilometern sieht man dann immer mehr Bäume im Wüstensand stehen. Allmählich kündigt sich die Savanne an. Kamele recken die Hälse um zwischen den von Dornen bewährten Zweigen einige Blätter abzuzupfen. Die Bevölkerungsdichte nimmt zu, es reihen sich alle paar Kilometer kleine Dörfer an der Straße auf. Kinder kommen beim Anblick eines Reisenden auf einem Fahrrad angelaufen und betteln um ein Geschenk. Nach einhundert Kilometer von Nouakchott gemessen, kam ich dann in den Ort Tiguent. Hier hatte ich vor, mich für eine Nacht in einer Auberge einzumieten., aber die Preise, die für ein Zimmer aufgerufen wurden waren absolut übertrieben. Ich hatte nicht mehr viel von der mauretanischen Währung bei mir, denn offiziel darf man das Geld nicht ausführen. Ich brauchte das restliche Geld für Verpflegung und Wasser. So „mietete“ ich mich bei einem Gendarmerieposten an der Straße ein. Ich brauchte dort noch nicht einmal mein Zelt aufzustellen, denn unter einem Stoffdach stand eine alte Militäpritsche, mein Lager für die Nacht.

Da mir inzwischen sowiso schon wieder der Sand aus den Ohren rieselte, waren mir der Wind und der Staub egal. Ich hatte gut geschlafen. Die Fahrradetappe des darauf folgenden Tages führte mich bis hinter Keur Marcene, einen Ort, der sich in unmittelbarer Nähe des Grenzflusses Senegal befindet. Ab hier folgt man einer Piste ohne Asphalt auf einem Damm entlang des Flusses für ca. fünfzig Kilometer zum Grenzübergang nahe der Stadt Diama. Diese Piste führt durch einen Nationalpark, der das Schwemmland entlang des Flusses umschließt. Dieser Weg ist etwas beschwerlich, es war nachmittags und so fragte ich bei einem Parkangestellten, ob ich mein Zelt für eine Nacht auf seinem Grundstück aufstellen dürfe, was führ ihm kein Problem darstellte. Er ist ein freundlicher Mann von 55 Jahren, der mich abends zu Tisch bat, wir aßen Fisch. Die Zeit des Sonnenuntergangs war die Zeit der Mücken und war deshalb allerdings auch Schlafenszeit, denn nun erhoben sich dichte, schwarze Wolken von Mücken über dem breiten Schilfgürtel, in einer Menge, wie ich sie noch nicht gesehen hatte.

Am nächsten Morgen, die Mücken waren nun nicht mehr da, setzte ich meinen Weg auf dem Damm fort. Nun gab es ganze Rotten von Warzenschweinen, die in ihrer Größe einen ausgewachsenen europäischen Keiler keineswegs nachstehen und eine artenreiche Vogelwelt in der Savanne zu bestaunen. Obgleich sehr anstrengend, habe ich diese Fahrt sehr genossen.

Der Grenzübertritt zu Senegal verlief problemlos und ist für ein Fahrrad kostenfrei, wenn man einmal von den Versuchen einiger Grenzer absieht, mal hierfür und mal dafür eine kleine Gebühr zu erheben, dem man sich aber erwehren kann, wenn man standhaft bleibt und für die Öffnung einer Schranke z.B. nicht bezahlt.

Auf einer frisch asphaltierten Straße ging es weiter Richtung St. Louis. Ich umfuhr die alte Hauptstadt der französischen Kolonialmacht in Westafrika und fuhr direkt zum Campingplatz. Die letzten Kilometer dorthin führten über kleine Straßen durch den Nationalpark, wo ich eine große Gruppe von Affen, aber auch Pelikane beobachten durfte. Mit dem Erreichen des Senegalflusses ändert sich die Flora und Fauna innerhalb eines Tages so drastisch, dass man glaubt jemand hätte einen Schalter umgelegt un die Wüste, die man einige Wochen lang durchfahren hatte, kommt dem Fahrradfahrer fern und unwirklich vor.

Die Fahrt nach Mboro

Toubab, Toubab, Touubaaab, rufen mir meist die Kinder in den Dörfern, die sich entlang der Strecke befinden, aber auch manchmal Erwachsene entgegen. Ich weiß es nicht so genau, aber es ist wohl die Bezeichnung für „Weißer“ hier in Senegal. Jedenfalls biete ich mit meinem bepackten Fahrrad eine Attraktion, die in entlegenen Gebieten die Leute zusammenkommen lässt. Manchmal setze ich mich umringt von einer Horde lärmender Kinder in den Schatten eines Baumes und mache eine kurze Pause. Gelegentlich kommt ein Erwachsener dazu und möchte wissen woher ich komme, begutachtet mein Fahrrad und versucht es mir abzuschwatzen. Ich lege meine Route so, dass ich Pisten vermeide und auf asphaltierte Straßen fahre. Es ist sehr mühselig, das beladene Fahrrad in der Hitze durch große Sandlöcher zu schieben und man kommt auf diesen Pisten sehr langsam voran.

Meine erste Station auf der ich übernachtete war Kebemer, obwohl mir die schweitzer Besitzerin des Campingplatzes in St. Louis vom Versuch dort Halt zu machen abgeraten hatte, da sie der Meinung war, dass es dort keine Unterkünfte geben würde. Irrtum. Ich fand etwas. Einfach, nicht gerade im Country-Club-Stil, aber für eine Nacht okay. Vorher, in der Stadt Louga, fand ich noch einen Geldautomaten, einer von dreien in der Stadt, der funktionierte (In Mauretanien fand ich nicht einen, der mir Geld herausrücken wollte) und konnte mich mit Barem ausstatten. Immer etwas Bargeld und reichlich Geduld sind bei Reisen in dieser Gegend unbedingt erforderlich.

Die Fahrt nach Mboro, eine mit ungefähr 80 Kilometern recht kurze Etappe, erwies sich doch als recht anstrengend, denn es ist ein sehr hügeliges Gelände mit kleinen, aber steilen Rampen und ich war ständig dabei über ein Spektrum von zehn Gängen hin und her zu schalten. Eine runder Tritt auf dem Fahrrad kam somit kaum auf. Die Landschaft wechselte zwischen den Hügeln. Zuerst die Savanne in der erhaben mächtige Baobabs oder auch Affenbrotbäume gennant standen, dann an dem Ort Mbass landwirtschaftlich genutzte Flächen, auf denen Gemüse angebaut wird. Diese großen, grünen Flächen stechen mitten in der Savanne mit ihrem satten grün regelrecht hervor. Von Mboro aus sind es nun nur noch eine, vielleicht anderthalb Tagesreisen nach Dakar, dem Endpunkt meiner Reise. Ich werde hier noch ein paar Tage verbringen, unter Palmen und mächtigen Bäumen exotische Vögel bestaunen, regelmäßig essen, denn im Verlauf der Reise habe ich doch einen erheblichen Prozentsatz meines Körpergewichtes „auf der Straße gelassen".

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