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Essaouira, Kunst und der falsche Tuarek

Mai 5, 2020 - Lesezeit: 4 Minuten

Mon ami, bonjour, allemand?
Oui!
Deutsch good, alles klar?
Jep!

Ein Mann in der Altstadt von Essaouira, ca. mitte zwanzig, gekleidet in der mauretanischen Landestracht und mit einem indigofarbenen Tuch als Turban um den Kopf gewickelt steht vor, wie er sagt, seinem Laden und erzählt mir auf englisch, dass er vom edlen Stamme der Tuarek abstammt.

Im Laden wird Schmuck und diverse Kunstgegenstände angeboten. Seine „Tuarektracht“ kommt, will man es auf deutsche Verhältnisse übertragen, einem Mix aus Lederhose und ostfriesischer Öljacke gleich. Ich gebe zu verstehen, dass ich nicht am Kauf von Souvenirs interessiert bin, was er mit dem üblichem „only look, not buy“ und „i can see in your heart, you are a good man“ beantwortet. Mir ist zwar nicht so ganz klar, worauf seine Menschenkenntnis basiert, aber das er sich was eingepfiffen hat, kann ich sehen.

Okay, von mir aus!

Ich betrete den Laden und schaue mir die Blechimitate von Tuarekschmuck an, lehne aber den obligatorischen Tee freundlich dankend ab. Er zieht alle Register, obwohl ich immer wieder höflich und nett beteuere, dass ich bei meinem Entschluß, keinen Schmuck zu kaufen, bleiben werde.
Sein Angebot wechselt dann auf Wüstentouren, Ölmassagen, Heilkräuter, Haschisch und Opium. Ich bleibe nett, höflich, lächle und lehne ab. Zum Schluß kommt er auf die Idee, ich könnte ihm seine Stromrechnung sponsoren und ich verabschiede mich freundlich lächelnd, Salam. Es waren jetzt gute 10 Minuten vergangen und mein Tuarek muss sich sehr zusammennehmen um weiterhin gelassen zu wirken. Ich gehe 20 Meter weiter, schon geht es wieder los: Mon ami....
Ich bin bester Laune und überlege kurz, ob ich das Spiel wiederholen soll, verwerfe aber den Gedanken.

Ich befinde mich in der Medina von Essauira, eine Stadt, die ich schon einmal vor 13 Jahren besuchte, die sich seit dem sehr verändert hat. Die Autorin meines Marokko-Reiseführers ist der Meinung, dass der Besuch dieser Stadt bei einem Marokko-Reisenden unbedingt auf dem Plan stehen muss. Die Altstadt gehört zum Weltkulturerbe und besitzt ihrer Aussage nach einen lockeren, von Künstlern und alternativen Individualtouristen geprägten Flair weil ja hier auch schon mal Bob Marley, Jim Morrison und andere Künstler gewohnt haben. Aus architektonischer Sicht will ich ihr Recht geben, da ist die Altstadt wirklich sehenswert. Der Rest ist Geschichte. Die Kunst und der Flair, von dem sie schreibt, der in den 80er Jahren des letzten Jahrhunderts die Stadt prägte, den gab es vor 13 Jahren noch vereinzelt, den suche ich heute vergebens. Darüber täuschen auch die Dreadlocks des Künstlers nicht hinweg.

Die Neustadt ist gewachsen. Wo wir noch einst in dem selbst gezimmerten Wohnmobil auf den Hügeln zwischen Tujagehölzen nächtigten, ist alles gerodet und mit Hotels und Bungalows bebaut. Der Fischerhafen mit Blick auf die vorgelagerten, unbewohnten Inseln hat sich nicht verändert. Wohl aber die Bedeutung des Fischfangs für die Einwohner der Stadt. Alles ist jetzt auf Tourismus ausgerichtet.

Es ist 21 Uhr, ich habe etwas gegessen und mache einen Abendspaziergang. Es sind noch einige junge Leute auf der Straße, die Souvenierläden machen jetzt alle zu. Die Restaurants leeren sich auch langsam. In einigen „Cafes des Arts“ herrscht noch Betrieb. Die meisten Plattenläden haben noch geöffnet und aus ihnen wummert noch Musik, aber Kundschaft darin ist nicht auszumachen. Die Bildergallerien der Kunsthändler sind längst geschlossen. In einem Restaurant spielt eine dreiköpfige Band „Black Magig Woman“ von Santana, zwei Gäste tanzen sogar. Na immerhin. Die einzige Livemusik, die ich an diesem Abend höre. Ein freundlicher älterer Herr versucht mir Haschischkekse anzudrehen.

Ich gehe noch einmal zum Strand, vielleicht treffe ich ja da ein paar Leute mit Gitarre und Bongos. Stattdessen stehen dort sorgfältig die Luxuswohnmobile von europäischen Rentnern aufgereiht, die Satelitenschüsseln exakt ausgerichtet. Auf meinem Rückweg komme ich am letzten noch geöffneten Plattenladen vorbei. Darin hängt ein riesengroßes Poster von Bob Marley.

Die Rastaman-Vibration in Essauira ist längst Vergangenheit.

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