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Mit dem Fahrrad durch die Wüste marokkos nach Dakhla

Mai 9, 2020 - Lesezeit: 7 Minuten

Etappen: Laayoune, Boujdour, Dakhla

Die Szene könnte vielleicht aus einem Wim Wenders-Film stammen. Eine Straße durchschneidet eine große Ebene in der Wüste. Keine Düne, keine Bodenerhebung ist auszumachen. Dreht man sich um 360° sieht man nur den Himmel, Sand und kleinere Geröllbrocken, den Horizont und am Straßenrand ein kleineres Haus.

Das ist die Station, die mir der Gendarm fünfzig Kilometer weiter nördlich als Unterkunft für die Nacht empfohlen hatte? Ich stelle mein Fahrrad ab und gehe hinein. Drinnen im schummrigen Licht sitzt ein älterer Herr hinter einer Art Verkaufstresen, er scheint mir der Chef zu sein. Auf Matratzen geflätzt befinden sich zwei weitere Männer ebenfalls im Raum. Einer trägt eine Militäruniform. In einem hinteren Raum höre ich geklapper von Küchengeschirr. Der Uniformierte spricht mich an, er kann etwas englisch. Ich erzähle meine Geschichte, woher ich komme usw., er übersetzt für alle. Inzwischen ist der Koch und ein etwa 12 jähriger Junge hinzu gekommen, der mir einen kleinen, starken, löslichen Kaffee serviert. Die Tatsache, dass ich mit dem Fahrrad unterwegs bin löst Erstaunen aus denn Fahrradreisende dazu noch in meinem Alter kommen hier nicht so oft vorbei. Ich werde gefragt wie es mir geht und warum ich gerade hier unterwegs bin und erkläre, dass mich diese Landschaft fasziniert und ich noch fit genug für eine solche Reise bin, Hamdulilah (Got sei es gedankt). Hamdulilah murmeln auch meine Zuhörer nach alter arabischer Sitte.

Ich frage den Chef, ob ich hier bei seiner Station mein Zelt aufbauen darf, um die Nacht an diesem Ort zu verbringen.Er zuckt gelassen mit den Schultern und zeigt mir einen halbwegs windstillen Platz zehn Meter von der Eingangstür entfernt. Bei meiner Frage, welche Kosten entstehen, winkt er nur ab. Das Zelt ist schnell aufgebaut und ich bestelle mir noch einen Kaffee. Im Gespräch mit dem Soldaten der Küstenwache erfahre ich, dass er sich für diesen Job verpflichtet hatte, um das Geld für seine Heirat zusammen zu sparen. Es wird für ihn Zeit, er ist ja immerhin schon fünfundzwanzig Jahre alt. Er verabschiedet sich, muss zum Dienst, der darin besteht, von einer Hütte am Strand aus die Küste zu beobachten. Ich kenne diese Hütten mit 2-3 Mann Besatzung, denn ich hatte vor zwei Jahren einmal bei solch einem Posten mein Zelt aufgeschlagen.Bis nach Dakhla waren es auch nur noch zwei Tagesreisen.

Die Besatzung des Wüstencafes besteht aus vier Personen: Den Chef, Hüter der Kasse, der Waren und des ganzen Rests, den Koch, dessen Kochkünste ich später am Abend genießen durfte, den Jungen und einen Mann, der sich bei mir als der Security-Mann vorstellte, aber auch Hausmeisteraufgaben verrichtet. Die Szene belebt sich nun. Hin und wieder halten Sattelschlepper Die Fahrer benutzen die Toilette, verpflegen sich aus dem reichhaltigem Angebot, von Wasser über Dosensardienen bis zu Badelatschen gibt es dort alles, was ein Trucker benötigt, und bestellen Essen. Es gibt nur ein Gericht, Tajine mit Hammel und Gemüse, dazu Brot. So ein Stop LKW-Stop in der Wüste dauert 15-20 Minuten und ich bin erstaunt, in welcher Geschwindigkeit der Koch seine Mahlzeiten servieren kann. Er ist sicherlich gut vorbereitet. Einige Fahrer bemerken das Zelt und das Fahrrad, begrüßen mich mit Welcome in Sahara Okzidental, so der alte Name vielleicht auch der geograpischer Name für diesen Teil der Wüste dieses Landstrichs und wünschen mir schmunzelnd eine gute Reise. Die Sonne ist auf spektakulärer Weise längst untergegangen und es machen immer weniger LKWs halt. Es wird wieder ruhig. Der Junge wischt die Tische ab, alle fünf Minuten einen, der Chef kontrolliert, ob ich mein Zelt gut aufgebaut habe, der Security-Hausmeister patrouilliert mit einem 150cm langen Hartholzknüppel bewaffnet und versichert mir, dass ich beruhigt schlafen könne, er würde die ganze Nacht wachen, das wäre ja sein Job. Ich schlafe auf dem Betonboden erstaunlicher Weise recht gut, aber nach vier Stunden muss ich doch einmal herraus und bestaune den Sternenhimmel der Sahara in dieser wolkenklaren Nacht. Aus dem Kabuff des Sicherheitsbeauftragten höre ich tiefe, gleichmäßige Atemzüge und steige grinsend wieder in den Schlafsack. Nach meinem Aufbruch am nächsten Morgen komme ich nach sechs Kilometern an einer großen Tankstelle mit einem angegliederten „Motel“ vorbei. Das war der Ort in der Wüste, der mir der Gendarm am Vortag verordnet hatte, aber ich bereue meinen Aufenthalt an dieser kleinen Station nicht.

Einige Tage zuvor brach ich schon morgens um sech in Laayoune auf, denn die bevorstehenden 190 Km durch die Wüste bis Boujdour, die ich in zwei Etappen bewältigen wollte, könnten anstrengend werden, so befürchtete ich. Es galt erst einmal einige Kontrollen außerhalb der Stadt zu passieren, denn die Straße kreuzt ein Phosphatförderband, das längste Förderband der Welt, wie ich las. Es führt von der Abbaustätte in der Wüste bis zur Fabrik an der Küste und war in der Vergangenheit oft ein Anschlagsziel Der POLISARIO. Ich kam erstaunlich gut voran, was einerseits am starken Rückenwind und anderseits an der guten Konstitution, die ich an diesem Tag hatte, lag. Gegen Mittag lagen etwas über einhunder Kilometer hinter mir., mein Etappenziel, eine Tankstelle mit Cafe und Verpflegungsbude, waren erreicht. Allerdings waren die Leute dort unfreundlich, mir gefiel der Ort auch nicht und so stattete ich mich mit genügend Wasser aus und radelte weiter. Ich flog förmlich über den Asphalt der instand gesetzten und verbreiterten Straße nur so dahin und nach einiger Zeit keimte bei mir der sportliche Gedanke auf, dass ich es bis Boujdour noch vor Einbruch der Dunkelheit schaffen könne, wenn ich noch eine „Kohle drauflegen“ würde. Ich konnte auf einen günstigen Wind in diesem Teil der Sahara hoffen.

Vierzig Kilometer vor Boujdour befindet sich mitten in der Sahara ein Posten der Gendarmerie. Die Polizisten würden mich nicht in der Dämmerung fahren lassen, also galt es früh genug den Posten zu erreichen, was mir letztlich auch gelang. Lächelnd radelte ich auf die Polizisten zu, denn ich wollte keinen Eindruck der Ermüdung zur Schau stellen, immerhin hatte ich nun 150 Kilometer hinter mir, wurde gecheckt und durchgewunken. Die letzten vierzig Kilometer fühlten sich an wie eine Ehrenrunde und so hatte ich die längste Fahrradetappe, die ich jemals gefahren bin, mit Hilfe des Wüstenwindes absolviert.

Anders erging es dem jungen holländischen Reiseradler, der mit dem Fahrrad aus dem Süden kommend, die vielen Kilometer gegen den Wind radeln musste. Ich weiß nicht, ob ich den Frust, der entsteht, wenn man Tag für Tag mit vielleicht 9-10 Km/h vorankommt, auf Dauer ertragen würde. Wir trafen uns an eine der wenigen Stationen an der Strecke und erkannten uns gegenseitig an den von Sand verklebten Augenbrauen und Wimpern. Er hatte einen Sonnenbrand im Gesicht und sah, wie ich meinte, nicht sehr frisch aus. Er war in Ghana gestartet und so setzte ich voraus, dass er wusste, was er tat und sich selbst gut einschätzen konnte. Wir plauderten bei Kaffe und Wasser über eine Stunde lang.

Vor der letzten Etappe nach Dakhla übernachtete ich in einer Moschee im Gebetsraum in meinem Schlafsack in einer Ecke des Raumes liegend, um die betenden nicht im Weg zu sein. Mitten in der Nacht wurde ich von zwei marokkanischen Gendarmen geweckt, die sich überzeugen wollten, ob es mir gut ginge. Man hatte nach mir gesucht.

Und noch ein Rekord: Die größte Kakerlake der gesamten Wüste, die mir bisher untergekommen ist, es waren auf den zurückliegenden Reisen einige, spurtete gestern über meine Brust, während ich im Bett lag und las. Stolze geschätzte 7 cm maß das Tier. Dakhla, eine Stadt der Superlative.

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