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Mit dem Fahrrad in die Berge von Marokko - Im Anti Atlas nach Tafraout

Mai 11, 2020 - Lesezeit: 9 Minuten

Ungefähr alle anderthalb Sekunden löst sich ein Schweißtropfen vom Schirm meiner Mütze und platscht auf den Asphalt. Die Sonne Marokkos brennt heiß herunter, kein Lüftchen regt sich. Sehr langsam, mit etwa 7 km/h rollt das Fahrrad voran. Es geht seit einer halben Stunde bergauf und der höchste Punkt des Passes ist noch fern. Später, als ich oben ankomme, befindet sich noch auf 1200 Meter Höhe ein Dorf.

Während ich verschnaufe kommen Frauen in reich verzierten bunten Gewändern ihre Lasten tragend die Straße hoch. Sie tragen Kräuter, das an Vieh verfüttert wird in großen Bündeln auf dem Rücken. Anhand der Kleidung der Frauen erkenne ich, dass ich mich im Gebiet der Berber befinde. Hier oben weht inzwischen ein kühler Wind und obwohl völlig durchgeschwitzt, ziehe ich mir schnell eine Jacke an, denn eine Erkältung bei der folgenden Abfahrt mit dem Fahrrad möchte ich vermeiden. Aber erst einmal mache ich Pause und genieße die Aussicht über die Gipfel des Anti Atlas-Gebirges, der auch der kleine Atlas, die teilweise eine Höhe bis zu 2600 Meter erreichen.

Es ist sehr ruhig hier im Dorf. Bis auf die Frauen ist kein Mensch auf der Dorfstraße zu sehen. Auch beim Radeln auf diesem Pass sind mir gerade einmal zwei alte Pickups japanischer Bauart begegnet. Keine LKWs, keine Busse, und auch keine französischen Wohnmobile, die sonst in großer Anzahl auf den Landstraßen in Marokko anzutreffen sind. Die Steigungen sind wohl doch zu stark, die Kurven zu eng für solche Fahrzeuge, Gern hätte ich in einem kleinen Laden, den es sonst in jedem Dorf gibt, ein Brot, etwas Käse und ein paar Kekse gekauft. Aber so einen Laden gibt es hier nicht. Auch nicht in einem der Bergdörfer, durch die ich bisher gefahren bin. Wenn doch, war er geschlossen. Da ich nicht mit großen Vorräten im Gepäck die Berge hoch radeln wollte und glaubte, dass ich mir das Nötigste hinzu kaufen könnte, muss ich nun mein Restproviant einteilen. Wasser ist erst einmal genug da.

 Ein alter Mann, der sich nun zu mir setzt, versichert mir, dass ich in der kleinen Stadt Tanalt einkaufen könne. Es gäbe dort sogar ein Restaurant und ein kleines Hotel. Obwohl Tanalt nicht unmittelbar auf meiner geplanten Route liegt und ich um dahin zu gelangen einige zusätzliche Serpentinen zu bewältigen habe, entschließe ich mich mit der Aussicht auf eine warme Mahlzeit und ein Bett dorthin zu fahren. Die letzte Nacht hatte ich schon auf 900 Meter Höhe im Zelt verbracht, nicht viel gegessen und so schwinden meine Kräfte zusehends. Nun geht es erst einmal wieder bergab, dann auf eine Anhöhe und ich kurbele mit dem Fahrrad über die Hauptstraße von Tanalt. Eine Herberge gibt es hier nicht, wie ich betrübt feststellen muss, das Restaurant ist zu dieser Uhrzeit geschlossen. Aber etwas Brot, Kekse und Joghurt kann ich hier einkaufen. Von mir heiß ersehnte Orangen oder Bananen gibt es nicht. Sardinen aus der Dose kann ich nicht mehr sehen, da hatte ich in der Westsahara zu viel von. Mit der schlechten Verpflegung muss ich mich abfinden. So werden mich Brot, Olivenöl und ein paar restliche Datteln über die nächsten Berge bringen müssen. Der Wasservorrat ist natürlich auch aufgefrischt. Die nächste Stadt, Tafraout, liegt zwar nur noch 40 Kilometer entfernt, aber es liegen noch ein paar Berge dazwischen und mir wird klar, dass ich mich auf eine weitere Nacht im Zelt einrichten muss. Es geht die Serpentinen wieder hoch zu dem kleinen Dorf, dann eine Abfahrt, dann der bisher steilste Pass auf fast 1400 Meter. Teilweise ist bei diesem Anstieg an Fahrradfahren nicht mehr zu denken, die Straße ist oft zu steil und ich muss manchen Meter schieben. Es ist sehr anstrengend, aber die Landschaft ist grandios und ich genieße sie in den vielen kleinen Pausen, die ich immer wieder einlegen muss.

Oben angekommen, schaue ich mich nach einem Platz für das Zelt um, aber hier bläst der Wind so stark, dass ich mich für die nächste Abfahrt entschließe. Danach windet sich die Straße wieder steil nach oben. Ich radle noch zwei Serpentinen und finde dann ein brach liegendes Feld als Terrasse am Berghang angelegt und beschließe hier zu kampieren. Eine sehr schöne Stelle, wie ein Balkon über einem Tal. Unter mir liegt ein Dorf und es dauert nicht lange und es erscheint der vermutliche Besitzer des Feldes auf seinem Mofa und fragt mich, was ich hier machen würde. Ich erkläre ihm, dass ich ein armer, einsamer, alter Fahrradtourist bin, der auf Grund der immensen Anstrengungen und des hohen Alters sehr erschöpft wäre, den nächsten Anstieg heute nicht mehr schaffen könne und eine Nacht auf seinem Feld campen möchte. Ich verspreche ihm kein Feuer zu entzünden. Inzwischen kommt noch ein Herr auf einem Moped dazu, beide beraten sich und ich merke, dass sich ihr anfängliches Misstrauen auflöst. Ich erhalte die Genehmigung und beide fahren nicht ohne mich darauf hingewiesen zu haben, dass es hier auf 1200 Meter nachts sehr kalt wäre, mit einem leicht ironischem Bonnne Nuit, wieder zurück ins Dorf. Die Kälte schreckt mich nicht, ich bin gut ausgerüstet und werde nicht frieren. Nur an Futter mangelt es inzwischen wieder.

Der darauf folgende Morgen ist kühl, neblig und wolkenverhangen. Die Häuser des Dorfes kann ich nicht sehen, aber die Gebetsrufe aus den beiden Moscheen kann ich hören. Ein Muezzin ruft auf arabisch, der andere auf der Sprache der Berber zum Gebet. Kaum habe ich mein nasses Zelt auf das Fahrrad geschnallt, erscheint nochmal der Eigentümer meines Balkon-Camps um sich, so vermute ich, von meiner Abreise zu vergewissern. Auf geht’s und ich frühstücke erst einmal einige Serpentinen. Der Nebel löst sich auf, oben geht es ein paar Kilometer recht flach an einem Bergkamm entlang und ich werde mit einer wunderbaren Aussicht über das Land für meine Mühen belohnt. Die darauf folgende Abfahrt von etwa 500 Höhenmetern fahre ich auch mit einer Pause, damit sich die Felgen zwischendurch einmal abkühlen können. Nun sind es nur noch 14 Kilometer nach Tafraout und ich habe keinen Pass mehr zu bewältigen, aber der noch so kleinste Anstieg bringt mich inzwischen aus der Puste und die Muskeln schmerzen. Ich bin trotzdem hoch erfreut, denn die Radtouren der letzten drei Tage hätte mein Orthopäde meinem linken Knie nicht zugetraut. Hin und wieder spüre ich es ein wenig, aber es ist weder in der Wüste noch in den Bergen zu einer starken Entzündung gekommen, die mir allerdings vor Antritt der Reise nach Marokko prognostiziert wurde.

In einem Tal umringt von Felsenhügeln liegt die Stadt Tafraout und ich bin sofort von ihr begeistert. „Muss man gesehen haben“ steht in jedem Reiseführer, was ich nur bestätigen kann. Demzufolge gibt es hier eine ausgeprägte touristische Infrastruktur. Rucksackreisende aber auch viele meist französische Wohnmobile mit deren Besatzungen meist im Rentenalter, letztere haben eine andere, einfacher zu befahrende Route nach Tafraout gewählt, tummeln sich in der Stadt. Noch bevor ich mich um eine Unterkunft kümmere, stoppe ich mit dem Fahrrad an einem Cafe und verschlinge dort ein Omelette. Den nächsten Halt mache ich bei einem Bananenfachverkäufer, dessen guter Kunde ich werde. Nach einer Dusche und einem Mittagsschlaf in einer kleinen Herberge mit einer Dachterrasse und Springbrunnen im Hofgarten, mache ich einen Spaziergang und „versacke“, es wird nun langsam dunkel, in einem kleinen Restaurant. Suppe, ½ Hühnchen , dazu Beilagen aus Kichererbsen, Pommes Frites und Reis, dazu Salat, Brot und Datteln werden von mir systematisch verschlungen. Danach noch einen Kaffee in einem kleinen Café in dem Fußball gezeigt wird. Casablanca gegen Tetuan glaube ich spielen gegeneinander. Egal, die richtige Mannschaft gewinnt, denn die Stimmung ist gut. Dann geht es ins Bett, aber halt, war da nicht noch eine Tafel Schokolade im Rucksack?

 Am nächsten Morgen stehe ich spät auf und während ich noch schnell ein paar Sachen wasche, freue ich mich auf das Frühstück. An der Tankstelle im Ort herrscht Hochbetrieb. Einige Wohnmobile, die es an Luxus kaum vermissen lassen, große Fahrzeuge meist und einige Geländewagen ebenfalls der Luxusklasse, deren Fahrer vermutlich ihre Offroad-Wüstenabenteuer entgegen sehen, stehen hier und warten auf ihre Betankung. Die Zeiten, in denen man sich noch in Dakhla auf eine Wüstendurchquerung vorbereitete sind aber nun vorbei. Man fuhr damals oft mit älteren Autos, geländegängig oder nicht, von Marokko aus, durch Mauretanien nach Senegal oder Mali. Das ist Vergangenheit. Zu unsicher oder gar verboten sind nun heute die Wüstengebiete, in denen wir 2009 noch kampierten. Der Transsahara-Tourismus ist fast vollständig zum Erliegen gekommen, erzählte mir der Campingplatzbesitzer in Dakhla. Sein Campingplatz, früher voll von unterschiedlichsten Fahrzeugen aus aller Herren Länder, an denen noch gedengelt, Achsen repariert, Federungen verstärkt usw. wurden, ist heute verwaist. Fahrer von Allradfahrzeugen treiben sich heute auf den Pisten zwischen Atlasgebirge und algerischer Grenze herum. Auch in der Westsahara habe ich nicht allzu viele von ihnen gesehen.

 Hier auf meiner Terrasse sitzend verdränge ich die Erinnerungen an vergangene Zeiten und denke darüber nach, wie es nun von hier aus weiter gehen soll. Es gibt für mich drei Optionen. Die erste ist wieder quer durch den Anti Atlas Richtung Ait Baha, dann nach Agadir zu fahren. Das wäre nochmals eine harte Strecke, wie man mir versicherte. Ich will es mir mit meinem Knie nicht verderben und werde wohl diese Option nicht wählen. Sehr viel kniefreundlicher wäre, in den Bus zu steigen und mich für 20€ nach Agadir kutschieren zu lassen. Die dritte Möglichkeit wäre entlang des „Wohnmobilhighways“, es soll eine sehr schöne Strecke sein, zurück nach Tiznit zu starten, um von dort aus durch das Flachland nach Agadir zu radeln. Diese Strecke hat wohl nicht allzu viele Pässe aufzuweisen. Ich bin mir unschlüssig, habe aber noch bis zum Abendessen Zeit zu entscheiden. Die Entscheidung überhaupt in die Berge zu fahren traf ich morgens bei einem Kaffee an der Straßenkreuzung in Tiznit, wo es einerseits nach Agadir, andererseits nach Tafraout ging. Ich habe meine Entscheidung nicht bereut. Jedenfalls sollte ich vor der nächsten Bauchentscheidung noch ein, zwei Bananen essen.

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