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Tanger, eine Stadt im Wandel der Zeit

Mai 9, 2020 - Lesezeit: 4 Minuten

Die nördlichste und Europa am nächsten gelegene Stadt Marokkos ist Tanger, wenn mal einmal die spanischen Enklaven Ceuta und Melilla außer acht lässt. Tanger ist eine große und moderne Stadt, mich aber ziehen die kleinen und verwinkelten Gassen der Medina und der Kasbah an.

Das Betreten der Altstadt war noch bis vor ca. 20 Jahren ein Risiko für jeden Touristen, die sich selten dorthin verirrten. Meine Residenz in diesem Jahr, wie auch schon bei meinem Besuch vor sechs Jahren, war eine kleine Pension im Herzen der Medina. Der Platz, an dem die Pension liegt, gehörte in der Vergangenheit zu den berüchtigtsten Orten der Stadt. Hier wurden Schmuggelgüter aller Art umgeschlagen, aber auch Menschenhandel betrieben. Wenn ein Kreuzfahrtschiff im Hafen angelegt hat, wird heutzutage der Platz von Gruppen von Touristen bevölkert.

Nach einem ausgiebigen Spaziergang vormittags in der Stadt setzte ich mich gern bei einem Tee oder Kaffee auf den Balkon in der ersten Etage eines Cafés und beobachtete das rege Treiben unten mit einem komfortablen Abstand zu den vielen Straßenverkäufern, deren immer gleiche Konversationen unweigerlich in einem Verkaufsgespräch für irgendetwas münden und auf Dauer lästig werden. Dort oben befand ich mich oft in der angenehmen Gesellschaft eines älteren Herren aus England, der schon in den 1960er Jahren diesen Platz für sich entdeckt hatte und der hier seit dem meistens lebt. Bei ihm erfuhr ich sehr viel über die Vergangenheit und Gegenwart dieses Stadtviertels, der Arbeitsbedingungen und Umsätze der Straßenhändler oder den Verdienstspannen der Stadtführer. Letzterer, vorausgesetzt er hat eine Lizenz, erhält von jedem Mitglied seiner Gruppe ca. 10 €. Gruppen von 20 Touristen sind keine Seltenheit. So kann er an einem Vormittag auf einen Umsatz von 200 € kommen. Nur an den Tagen, an denen Touristenschiffe im Hafen angelegt haben wohl bemerkt, aber immerhin. Der Monatsverdienst einer Arbeiterin, die Krabben aus der Nordsee puhlt, welche extra dafür aus Deutschland oder Niederlande hier her befördert werden, soll, wie ich kürzlich las, bei gerade 135€ liegen. Ich vermute einmal, dass solch eine Stadtführerlizenz nicht einfach zu erwerben ist. Ähnlich gut wie die Stadtführer stehen die alteingesessenen Straßenhändler da, die ihrem Gewerbe oft schon seit Jahrzehnten nachgehen. Auch hier vermute ich, dass die Reviere untereinander klar abgesteckt sind und für Ordnung gesorgt wird.

Zu der Frage, wie es kam, dass Tanger nicht mehr das Prädikat „NoGo“ trägt, wurde mir erklärt, dass dies mit dem Wechsel der Regentschaft des Königs zusammen hängt. Unter Hassan II, der noch etwa bis vor zwanzig Jahren regierte, wurde der Norden des Landes in jeglicher Beziehung vernachlässigt, wenn man einmal von einigen Niederschlagungen von Aufständen absieht. Sein Sohn und Nachfolger Mohammed VI änderte dies in dem er die Infrastruktur des nördlichen Landesteils erneuerte und ausbaute, aber auch in dem er sämtliche hohen Beamten in der gesamten Stadt austauschen lies. Abgeschlossen ist der Prozess der Erneuerung und Modernisierung des Nordens bis heute längst noch nicht, was die gegenwärtigen Demonstrationen in der Stadt Al Hoceima bestätigen. Dort protestieren seit Monaten tausende Bürger gegen Arbeitslosigkeit und die strukturelle Benachteiligung ihrer Region. Die Regierung versprach im letzten Frühjahr ein Milliarden-Investitionsprogramm. Noch ist davon nicht viel zu sehen. Es gibt in dieser Region wenig Arbeit, kein richtiges Krankenhaus, in vielen Haushalten gibt es nicht einmal Strom oder einen Wasseranschluss.

Nachdem ich mich einige Tage in Tanger aufgehalten hatte, beschloss ich nun, mich mit dem Fahrrad Richtung Süden zu begeben. Schon bei der Ausfahrt aus der Stadt hatte ich gegen einen heftige Gegenwind zu kämpfen, zu dem sich dann später noch Regen dazugesellte. Radeln wurde immer anstrengender und ich erreichte im „Berggang“ selten mehr als 10 Km/h. In dem kleinen Ort Asilah verließ mich dann die Lust und ich suchte mir eine Unterkunft. Am späten Nachmittag klarte dann noch einmal der Himmel auf und ich sah die Sonne das letzte Mal für eine lange Zeit. Unter ähnlichen ungünstigen Bedingungen ging es dann am nächsten Tag weiter. Nur der Wind war stärker als am Vortag. Zwei mal blies mich eine Orkanböe fast in den Gegenverkehr und ich beschloss, inzwischen in Larache angekommen, die Weiterfahrt unter diesen Bedingungen zu beenden. Tagelang wütete diese Mischung aus Starkregen und Orkanböen. Palmwedel lagen auf der Straße herum, in einigen Straßen war die Kapazität der Kanalisation erschöpft, das Wasser stand dort Kniehoch. Ich bestieg dann den Bus und fuhr weiter in das 500 km südlicher gelegene Safi. Die Wetterlage ist auch hier nicht besser, selbst in Agadir gibt es Überschwemmungen und umgestürzte Bäume, aber in Safi leben Freunde, bei denen ich erst einmal untergekommen bin und die mir versichern, dass dieses Wetter hier in Marokko untypisch ist. Die meisten Gebirgspässe im Atlas sollen wohl zugeschneit und somit unpassierbar sein.

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